Tag 6 – der schwächste Tag bisher

Geschrieben von Juergen am 15. Februar 2008 | Abgelegt unter Berlinale, Berlinale 2008

Mit der französischen Produktion Lady Jane starte ich in den Tag und mir scheint, die inhaltliche Krise des deutschen Filmes ist voll angekommen im Land von “Nouvelle vague”.

Auch der zweite Beitrag, der japanische Film Kabei reisst mich nicht vom Hocker, zu lang, zu oberflächlich, zu albern. Irgendwie scheint dies kein gutes Jahr für asiatische Filme zu sein.

Der britische Dokumentarfilm Bananaz beschäftigt sich mit Damon Albarn und Jamie Hewlett, den beiden Machern der Comic-Band “Gorillaz”. Für Fans grosse Klasse, als Dokuentrfilm leider durchgefallen.

Als letztes seh ich Restless aus Israel, ein verrwirrter Vater-Sohn-Konflikt zwischen Israel und New York zwischen voraussehbarer Altherren-Phantasie und politisch korrekten Judenwitzen.

Wie schon gesagt, der schwächste Tag bisher aber ich freu mich auf morgen.

  • elf Zigaretten
  • vier mittlere Milchkaffee
  • ein Sandwitch
  • zwei Liter Evian

Drückt mir die Daumen für morgen!

Tag 5 – viel Schmutz, wenig Weisheit

Geschrieben von Juergen am 14. Februar 2008 | Abgelegt unter Berlinale, Berlinale 2008

“Über den Berg” bedeutet, wir nähern uns dem Ende. Heute ist Mittwoch, ich muss also nur noch drei Mal früh aufstehen, nur noch drei Mal morgens frieren.

Für heute hab ich mal nur fünf Filme ausgesucht, auch meine Kräfte nähern sich dem Ende, weswegen ich auch nur über vier davon berichten werde…

Mit Sleep Dealer hätte mich also heute ein weiterer Film aus Mexiko äußerst verwirrt zurück gelassen. So schön die Vorstellung sein mag, dass vielleicht einmal die Zeit kommt, wo das wertvollste unsere Erinerungen und Träume sein werden, umso bescheuerter die Idee dieses Films, was wir dann daraus machen würden. Schade!

Sag mir, wo die Schönen sind rettet, zumidest für die laufende Berlinale, die Ehre des deutschen Dokumentarfilmes. 18 Jahre nach einem Schönheitswettbewerb in der damaligen DDR macht sich der Film auf die Suche nach einigen der Teilnehmerinnen und will wissen, was aus ihnen geworden ist. Die Neugier und die Hartnäckigkeit werden mit unterhaltsamen und wunderbaren Erkenntnissen belohnt. Danke!

Standard Operating Procedure wiederum nähert sich – ebenfalls dokumentarisch – den Folterungen irakischer Gefangener durch amerikanische Soldaten in dem Gefängnis Abu Ghraib. Sich in einem solchen Fall als Autor neutral zu verhalten ist nicht leicht – sehr wohl weiss ich das. Schade nur, dass das einzige, was der Film bei mir hinterläßt, die nicht besonders neue Erkenntnis ist, dass der Ehrliche immer der Dumme ist, zumal in diesem Fall DIE Ehrliche – die Soldatin, die den Vorfall gemeldet hat, nachdem sie sich willfährich daran beteiligt hatte – tatsächlich nicht durch ihre besonders hohe Intelligenz aus der erbärmlichen Masse der anderen gehörten Militärangehörigen herausragt. Ein misslungener Versuch einen politisch korrekten Film zu machen. Leider nicht gut!

Die Rettung für den Tag bringt mal wieder der Abend. Nachdem ich fast eine Stunde in der erbärmlichen Kälte des Berliner Winters rund um den Zoo darauf gewartet habe, dass sich alle, die NUR gekommen waren, um Madonna zu sehen, wieder beruhigen, konnte ich endlich in den Zoo-Palast, um Filth And Wisdom, Madonnas ersten Film zu sehen. Auch wenn man das eine oder andere Mal noch ein wenig das – übrigens sehr gelungene – Drehbuch rascheln hörte und besonders eine Figur für die ansonsten so liebevoll arranigierten Situationen ein wenig zu geschminkt war, hat der Film viel Charme, einen geistreichen Humor, wunderbare, liebevolle Klischees und in knapp 90 Minunte mehr grossartige Momente als das Gesamtwerk von Guy Ritchie. Toll!

Was fehlt? Ach ja…

  • eine Brezel
  • drei grosse Milchkaffee
  • ein Reis mit Gemüse
  • sechs Zigaretten
  • ein Liter Evian

und um meine charmante Sitznachbarin davon zu überzeugen, dass ich nicht wegen Madonna sondern NUR wegen des Filmes gekommen war

  • zwei Mojito

Danke Beate, schlaf gut!

Tag 4 – Abwechslung rettet meinen Tag

Geschrieben von Juergen am 13. Februar 2008 | Abgelegt unter Berlinale, Berlinale 2008

Schwer zu sagen, wie ich heute aus dem Bett gekommen bin – immerhin haben schon drei volle Festival-Tage deutlich ihre Spuren bei mir hinterlassen – aber nach dem ersten Beitrag des heutigen Tages war ich hellwach! Der Brasilianische Beitrag Tropa De Elite – schon im Vorfeld der vielversprechendste Film des Festivals – schafft es eindrucksvoll, sich mit Charme und Härte dem Thema “Staat, Gesellschaft und Gewalt” zu nähern.

Der Anführer einer brasilianischen Polizei-Eliteeinheit, die einzig für Spezialeinsätze in den Favelas zusammengestellt wurde, sucht nach einem geeigneten Nachfolger für seine einsame und undankbare Position. Szenen von den nächtlichen Einsätzen der Truppe mischen sich auf poetische Weise mit den tagsüber stattfindenden Trainings-Einheiten.

Brutale Gewalt wird mit noch brutalerer Gewalt beantwortet, ganz ohne Vorwarnung und das beeindruckende an dem Film ist, dass man als Zuschauer die ganze Strecke mitgeht.

Am Ende bin ich nicht nur wach, ich wünsch mir eine solche Truppe für Neukölln, wenigstens für einen Tag…

Revanche – der österreichische Beitrag des heutigen Tages – überrascht mich positiv mit seiner wunderbaren Mischung aus Einfachheit und Autentizität. Die Hauptfigur – eine Mischung aus Kleinkriminellem und sympathischem Verlierer – rächt sich, ohne dies zunächst zu wissen, an dem Dorfpolizisten, der nach einem verunglückten Bankraub seine Freundin erschiesst. Das ganze im Herbst in der österreichischen Provinz.

In der QnA frag ich den Regisseur, warum uns Deutschen nicht so wunderbare Filme gelingen, aber er kann mir nicht helfen. er ist schließlich kein deutscher.

Die beiden asiatischen Filme – eine “Romantic Comedy” aus Shang-Hai und ein Familiendrama aus Taiwan – sind die Ärgernisse des heutigen Tages, ganz zu meinem Bedauern, zählten doch asiatische Filme in den Jahren zuvor immer wieder zu meinen Favoriten.

Einen italienischen Beitrag, in dem sich ein schwules Paar dokumentarisch der Homophobie in ihrer Wahlheimat Rom nähert, habe ich heute auch noch gesehen. Weil witztig gemacht und ohne viel Pathos vielleicht der erste nicht ärgerliche Beitrag des diesjährigen Queer Cinema.Danach noch einen alten Freund getroffen, das war dann ein angenehmer Ausgleich dafür, dass ich den Empfang meiner ehemaligen Hochschule – zu dem ich gar nicht erst eingeladen war – auch dieses Jahr wieder gerne versäumt habe.

Alles in allem

  • drei Sandwitches
  • drei Milchkaffee
  • eine Banane
  • zwei Äpfel
  • zehn Zigaretten

und weil ich in den letzten Tagen zu wenig getrunken habe, waren’s heute mal

  • zwei Liter Evian und
  • ein kleines alkoholfreies Bier

Schlaft gut, bis Morgen!

Tag 3 – Satie, Bach, Schubert – Vergangenheit essen Zukunft auf

Geschrieben von Juergen am 12. Februar 2008 | Abgelegt unter Berlinale, Berlinale 2008

Heute möchte ich nur auf die beiden intensivsten Beiträge des Tages eingehen, was den anderen Filmen gegenüber auch gar nicht unfair ist.

In dem feinfühlig inszenierten und grandios besetzten Film ELEGY von Isabel Coixet – Nach dem Roman “The Dying Animal” von Philip Roth – erzählt uns die zynische und ein wenig arrogante Hauptfigur David Kepesh – Ben Kingsley die Geschichte seiner letzten wahren und vielleicht einzigen großen Liebe.

David, ein angesehener Literaturprofessor und -kritiker der alles hat, einschließlich unzähliger studentischer Affären, verliebt sich in die majestätisch schöne und zielstrebige Studentin Consuela Castillo – Penélope Cruz. Die Affäre, die für David scheinbar wie jede andere Affäre beginnt, entwickelt sich bald zu einem ebenso großen wie zerbrechlichen Zauber zwischen zwei sehr unterschiedlichen Menschen. Durch seine überhebliche Menschenscheue setzt David die Beziehung auf’s Spiel und wird von Consuela verlassen. Als diese sich nach Jahren des Schweigens wieder bei ihm meldet ist sie schwer erkrankt und sucht ein letztes Mal bei David den Halt, den sie in der gemeinsamen Zeit so genossen hatte.

Es würde mich nicht wundern, wenn wir hier den goldenen Bären 2008 gesehen hätten, Penelope Cruz kann ziemlich fest mit dem silbernen rechnen.

Ebenso einfühlsam, wenn auch nicht so hochglänzend, kommt der britische Beitrag BOY A daher.

Eric - Andrew Garfield, ein jugendlicher Krimineller, der im Alter von 13 Jahren an der Tötung eines elfjährigen Mädchens beteiligt war, kehrt nach abgesessener Jugendstrafe mit neuer Identität in die Welt zurück. Nach anfänglicher Scheu entwickeln sich die Dinge gut für Jack – so der neue Name. Wohnung, Job, Freunde und sogar eine Freundin sind bald gefunden. Als Jack nach einem Autounfall ein Kleines Mädchen aus einem Autowrack rettet, stürzt sich die Presse auf den schüchternen Helden und Retter. Über Nacht holt Eric Jack wieder ein. Als auch noch seine Freundin verschwindet, halten ihn plötzlich alle wieder für schuldig. Wie’s ausgeht müsster selber gucken…

  • ein Sandwitch mit Käse
  • vier Milchkaffee
  • zwei kleine Äpfel
  • ein Liter Evian
  • neun Zigaretten

Tag 2 – Kunst, Musik und Mexiko

Geschrieben von Juergen am 11. Februar 2008 | Abgelegt unter Berlinale, Berlinale 2008

Ein wenig ratlos hinterließ mich der Beitrag aus Mexiko LAKE TAHOE, mein erster Film des heutigen Tages. In langen, elegischen Einstellungen erzählt der Film das gelangweilte Hin und Her seines Protagonisten, eines 16 jährigen Jungen, der gerade seine Vater verloren hat, worüber er aber kaum Emotionen zeigt. Mein Sitznachbar wollte wissen, “was lernen wir aus dem Film?” Ich sagte “Nichts! Zu wenig Licht im Gesicht und abgeschnittene Köpfe konnte ich schon im ersten Studienjahr.”

Da der Film durchaus einen eigensinnigen Stil hat, leider jedoch keine Geschichte erzählt, wäre er in Panorama wesentlich besser aufgehoben gewesen.

In 1000 Journals erzählt die deutsche Regisseurin Andrea Kreuzhaage die Geschichte eines Kunstprojektes, das noch nicht beendet scheint. Im Jahr 2003 schickt ein amerikanischer Grafiker, der sich selbst “Someguy” nennt, 1000 leere Bücher in die ganze Welt, um von den unterschiedlichsten Menschen gestaltet zu werden. Nur ein Buch ist bisher wieder bei ihm angekommen. Der Film macht sich nun auf die Suche nach den Menschen, die in den unterschiedlichen Büchern ihre Spuren hinterlassen haben.

Julia, grandios gespielt von Tilda Swinton, ist Alkoholikerin. Nachdem sie gefeuert wird besteht ihr Alltag nur noch aus Schnaps und komatösen Gelegenheitsficks mit ebenso hoffnungslosen Typen, die sie in irgendwelchen Bars aufreisst. Ausgerechnet bei den Anonymen Alkoholikern lernt Julia eine junge Mexikanerin kennen, die ihr Geld verspricht, wenn Julia ihr bei der Entführung ihres Sohnes hilft. Julia wittert eine Gelegenheit, legt die Frau aufs Kreuz und endet mit einem verstörten Neunjährigen im hoffnungslosen Tijuana, wo nichts gutes auf sie wartet.

Tilda, ich will ein Kind von Dir!

Der beeindruckende Dokumentarfilm WITH GILBERT AND GEORGE ist das dankbare Resultat von 20 Jahren Film- und Kunstarbeit sowie grenzenlosem Vertrauen der beiden Protagonisten zueinander und zum Macher des Filmes, der das eigenartige Künstlerduo Gilbert And George von London aus in die Welt begleitet. Schreiend bunt, britisch komisch und äußerst sehenswert.

Das auch schon nach zwölf Jahren ein eindrucksvoller und sehr intimer Dokumentarfilm entstehen kann beweist PATTY SMITH – DREAM OF LIFE, der die amerikanische Sängerin in ihrem Alltag und bei ihrer Rückkehr auf die Bühne beobachtet. Der in nostalgischem Schwarz-Weiss gehaltene Film zeigt sehr charmant, daß Patty Smith, wie sie selbst sagt, nichts zu verbergen hat. WOW! Patty Smith hat aus zehn Metern Entfernung zu mir gesprochen… Ich will aber trotzdem lieber ein Kind von Tilda. Patty hat ja schon zwei.

Der heutige Konsum:

  • vier halbe Sandwitches, teils mit Schinken, teils mit Käse
  • ein Liter Evian
  • vier große Milchkaffee
  • ein Croissant
  • 13 Zigaretten

Bin schon gespannt auf morgen, gute Nacht!

Berlinale – Die richtige Wahl

Geschrieben von Juergen am 10. Februar 2008 | Abgelegt unter Berlinale, Berlinale 2008

Ich werde oft gefragt, wie ich unter den viel zu vielen Filmen, die jährlich zur Berlinale antreten, diejenigen auswähle, die es sich wirklich anzusehen lohnt.

Die Wahrheit ist schwer, denn man weiss nie. Man sieht einem Film mit Starbesetzung nämlich nicht an, ob er etwas taugt, genausowenig wie einem unabhängigen Koreanischen Dokumentarfilm.

Daher ist meine Methode recht einfach: “avoiding”! Richtig, ich vermeide.

Ich vermeide 1. die großen Filme, die wenige Wochen nach Ende der Berlinale ohnehin ins Kino kommen, ich vermeide 2. deutsche Filme, 3. Filme aus der Türkei, dem Iran oder sonstigen Ländern, in denen man dafür hingerichtet wird, wenn man seine Meinung sagt und ich vermeide 4. Filme VON Frauen FÜR Frauen.

Ich fürchte, das muss ich erklären. OK!

  1. Wieso sollte ich die kostbare Zeit auf der Berlinale damit verschwenden einen Film zu sehen, den ich den Rest des Jahres auch shen kann?
  2. Wenn deutsche Filme auf der Berlinale laufen sind die meisstens total schlecht – OK die sind sonst auch schlecht – und meisstens sitzen danach die hilflosen Regisseure vor ratlosem Publikum und beklagen beschämt, man habe ja viel zu wenig Geld bekommen für das tolle Thema und überhaupt hätte man ja eh viel lieber einen tiefsinnigen, melancholischen Problemfilm drehen wollen, das ging aber natürlich nicht, denn als man grade gedreht hat, war das gesamte Land in dieser ekelhaften Fussball-Weltmeisterschafts-Euphorie und alle hatten ekelig gute Laune und deswegen ist der Film also so oberflächlich und so gar nicht politisch, kritisch, düster ausgefallen.
  3. Wenn ein Filmemacher aus einem Land in dem einem die Hand, die Zunge oder sonstige Weichteile dafür abgehackt werden, wenn man die Wahrheit sagt, einen Film macht, dann kann der in dem Film nicht das zum Ausdruck bringen, was ihn bewegt oder beunruhigt, sonst würde ihm ja am Ende eine Hand oder die Zunge oder wer weiß was sonst noch abgehackt, also macht er einen oberflächlichen und langweiligen Film, in dem nix passiert ausser ein paar abstrusen Andeutungen, die wieder keiner versteht. Hinterher wird der Filmemacher natürlich vom Publikum gefragt, was denn der Film bedeutet, ob es noch einen tieferen Konflikt gibt. Da der Filmemacher befürchten muss, selbst auf der Berlinale von der heimischen Zensur belauscht zu werden, beteuert er dann “Neeeeein…” das sei alles so gemeint, wie es zu sehen war und es gäbe gar keinen tieferen Sinn, geschweige denn eine Symbolik. Ein Jahr später erfährt man dann in einer ttt-Sondersendung zum Anlass der Hinrichtung eben jenes Regisseurs, dass der Film sehr wohl eine “zweite Ebene” einen tieferen Sinn und eine eigene Symbolik hatte, der Regisseur konnte das damals nur nicht sagen, weil er dann schon viel früher hingerichtet worden wäre.
  4. Filme von Frauen für Frauen versteh ich einfach nicht. Ich glaub mir fehlt da ein Enzym.

Und wo bleibt da das positive? – Ja… wo?

Empfehlen kann ich hingegen Filme aus Ländern in denen üblicherweise KEINE Filme gemacht werden wie Laos, Bulgarien, Malta, Ägypten, Israel oder der Schweiz. Während jährlich hunderte von deutschen Filmen nicht nur “zu wenig Geld” sondern auch zu wenig gute Bücher, geschweige denn genügend Talent unter sich aufteilen müssen, können Filmemacher aus Ländern in denen nur ein Film pro Jahr produziert wird, das gesamte Geld aber auch den gesamten Charme oder eben das gesamte Drama der Geschichte in EINEM Film konzentrieren. So entstehen so wunderbar direkte Geschichten wie “Tropa De Elite” aus Brasilien, meinem heimlichen Favoriten der Berlinale 2008.

Berlinale 2008 – Tag 1 – überall Sex, Lug und Trug

Geschrieben von Juergen am 10. Februar 2008 | Abgelegt unter Berlinale, Berlinale 2008

Die Berlinale hat begonnen, zehn wahnsinninge Tage voller Figuren, Geschichten und Ereignissen. Zehn Tage Ausnahmezustand, zehn Tage Dunkelheit, zehn Tage viel zu viele Filme aber auch zehn Tage Glanz in unserem sonst so bescheidenen Berlin.

Heute war’s erstmal tragisch, dramatisch und versaut.

Irgendwo in Finnland wünscht eine Frau sich dringend ein Kind.
Irgendwo in Laos wird eine Familie auseinandergerissen.
Mitten duch Bulgarien, Mazedonien und Albanien wird eine Autobahn gebaut, die das Schwarze Meer und die Adria verbinden soll.
Irgendwo in Amerika versucht ein Schüler von Sigmund Feud mit vorgetäuschten Orgasmen Krebs zu heilen.
Irgendwo in China erkrankt ein fünfjähriges Mädchen an Leukämie.

Dafür bin ich morgens um halb sechs aufgestanden, aber es hat sich gelohnt!

Die Finnische Frau ist Gynäkologin und wird von ihrem Mann mit einer jüngeren betrogen, die Frau aus Laos – hier lautet der Filmtitel “Betrug” – erfährt, nach 25 Jahren, dass ihr Mann noch lebt, eine neue Frau und zwei weitere Kinder hat, die Bürger Mazedoniens fühlen sich ebenfalls betrogen, denn der Bau der Autoban kostet genauso viel wie ein ganzer mazedonischer Jahreshaushalt, vorgetäuschte Orgasmen zähle ich mal zum Selbstbetrug und um ihr gemeinsames Kind zu retten, müssen die beiden geschiedenen Eltern des Leukämie-Mädchens aus China ihre jeweils neuen Ehepartner betrügen.

Die finnische Gynäkologin – grade 40 geworden – nimmt einen neuen Namen an und verbringt erstmal eine Nacht mit einem 22-jährigen deutschen Studenten, der ausgerechnet Uwe heißt, die Frau aus Laos musste bei der Flucht ihre beiden älteren Kinder zurücklassen und lebt nun mit den restlichen fünf seit mittlerweile 30 Jahren in Brookly / New York, den Autobahn-Bauern geht weit vor der Mazedonischen Grenze das Geld aus Brüssel aus, in den siebziger Jahren reichte es völlig, ein wenig angestrengt zu keuchen, um einen Orgasmus vorzutäuschen und chinesischen Frauen ist es bei Strafe verboten, mehr als zwei Kinder zu haben, chinesichern Männern aber nicht. Ausserdem sieht es lustig aus, wenn Chinesen unter der hochgezogenen Decke einen Orgasmus vortäuschen.

Was war noch? Ach ja:
Folgerichtig betrug mein Konsum am Ende des Tages

  • vier halbe Sandwitches, teils mit Salami, teils mit Kochschinken, Käse, Gurke und Senf – selbstgemacht versteht sich
  • ein kleine Apfel
  • acht Zigaretten
  • 1,5 Liter Evian
  • drei große Milchkaffee

Jetzt muss ich aber schnell schlafen, denn auch morgen ist wieder ein neuer Tag auf der 58. Berlinale.

Gute Nacht!

Das Echo der Neurowissenschaften von Richard Powers

Geschrieben von Claudia am 27. März 2007 | Abgelegt unter Literaturtagebuch

Viele Menschen haben mir den Roman „Der Klang der Zeit“ von Richard Powers empfohlen. Bevor ich dazu kam, ihn zu lesen, hielt ich schon sein neuestes Werk in der Hand: „Das Echo der Erinnerung“. In der Presse hochgelobt und angepriesen als über Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen hinausgehend. Also las ich es, denn die jeweiligen Paraderomane der zuvor Erwähnten hatten es mir doch sehr angetan – „Middlesex“ ging dabei für mich noch etwas über „Die Korrekturen“ hinaus – was für eine Aussicht also, einen Roman zu lesen, der noch über ersteren hinausgeht? Meine Erwartungen sollten leider nicht erfüllt werden.

Die Hardcover-Version von „Das Echo der Erinnerung“ bringt gute 780g auf die Waage. Wenn ich die Buchdeckel abziehe, nehmen einen ca. 600g vom Restgewicht mit auf eine beeindruckend recherchierte Reise in die Neurowissenschaft, wo man als Laie viel Interessantes über unser Hirn erfährt. Irgendwo dazwischen wird eine Geschichte erzählt. Es geht um einen jungen Mann, der aus unerklärlichen Gründen als versierter Kraftfahrer von einer schnurgeraden Strasse bei Kearney/Nebraska abkommt, sich überschlägt und danach zwei Wochen lang im Koma liegt. Derweil eilt seine Schwester herbei, die sich längst ein anderes Leben in einer anderen Stadt aufgebaut hat, um ihrem Bruder zu helfen. Als dieser aufwacht, nimmt das eigentliche Drama seinen Lauf: er hält die Person, die sich für seine Schwester ausgibt, für eine Doppelgängerin. Sie sieht zwar genauso aus und verhält sich auch so, jedoch fehlt die emotionale Bindung zu ihr. Hinter all dem vermutet der Patient eine Verschwörung. Für dieses Phänomen gibt es einen medizinischen Terminus: das Capgras-Syndrom. Dann gibt es noch einen zu Rate gezogenen populärwissenschaftlichen Neurologen, dem es in seinem eigenen Leben auch nicht hilft, dass er über die Vorgänge im menschlichen Gehirn und mögliche Störungen so gut bescheid weiß. Und es gibt die beiden besten Kumpels des Patienten, die irgendetwas über den Unfall wissen, dies aber erst sehr spät preisgeben. So einige andere Personen tummeln sich noch in der alles in allem etwa 80g schweren Geschichte, die mich an keiner Stelle wirklich gepackt hat.

Richard Powers versucht, mit einer für mich etwas hölzernen, weil zu verkopften Sprache eine emotionale Geschichte aufzubauen und mit poetischen Bildern zu arbeiten (der Ort Kearney steht für die Massen an Kranichen, die alljährlich Station am dortigen Fluss machen – die sich alljährlich daran erinnern, wo sie sich in den Weiten Nordamerikas versammeln müssen) – jedoch: die paar Gramm Emotion kommen leider nicht gegen das halbe Kilo hervorragend recherchiertes Wissen an. So fällt denn leider die Auflösung der Geschichte – der tatsächliche Unfallhergang und dann endlich auch das Erkennen der Schwester – nach 500 Seiten in meiner Seele auf ziemlich abgestorbenen Boden, was „Das Echo der Erinnerung“ angeht. Für Konzeptionisten möglicherweise ein interessanter Roman, für Leute, die emotional an einer Geschichte teilhaben möchten, eher enttäuschend.

Deutschland. Ein Alptraum

Geschrieben von Juergen am 4. Oktober 2006 | Abgelegt unter Ob das sein musste?

Würde Leni Riefenstahl noch leben, sie wäre bestimmt mächtig stolz auf Sönke Wortmann.

Ein Volk von Fans, ein Reich von Helden, ein Führer von Kalifornien und am Ende der Triumph des Willens. Naja, fast…

Jedesmal wenn Sönke Wortmann – woher auch immer – Geld für sein nächstes künstlerisches Desaster bekommt, beschleicht einen so eine Vorahnung. “Das wird bestimmt wieder genau wie letztes Mal, ” denkt man “denn schlimmer kann es ja nicht kommen.” – bis man den Film sieht, dann weiß man… es kann.

Schon mit dem Werk “Das Wunder von Bern” beweist Wortmann, was wir alle schon lange befürchtet haben: er ist ein Fanatiker und über seinem Fanatismus vergisst er nicht nur seinen Beruf, er vergisst alles.

So wie schon Leni Riefenstahls Herrenmenschenfilme nicht ein – ohnehin als unmündig angesehenes – Publikum im Visier hatten, so zielen auch die letzten beiden Werke Wortmanns einzig und allein auf die Aufmerksamkeit und die Anerkennung des Führers. Es wird sogar berichtet, Gerhard Schröder habe bei der Premiere des Filmes “Das Wunder von Bern” geweint.

Für die Dreharbeiten zu seinem neusten Endsieg-Epos, welches gestern – am Tag der Deutschen Einheit – Premiere hatte und nun wohl den Titel “Deutschland. Ein Sommermärchen” trägt, hat ihm der größte Trainer aller Zeiten erlaubt, im Führerbunker ganz nah dabei zu sein.

Indiskretion bis zur Geschmacklosigkeit, Handkamera bis zum Erbrechen und jede Menge Blitzkriegrhetorik, naja, ganz ehrlich, was hatten Sie erwartet?

Daß der Film nun trotz fehlenden Endsieges in die Kinos kommt beweist, daß Sönke Wortmann von Dramaturgie noch weniger versteht als von Fußball. Speichellecker aller Genres, vereinigt Euch!

Was wohl Oscar Wilde dazu sagen würde? Vielleicht: “Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht der Versager.”

Nichts für Männer? – ‘Späte Familie’ von Zeruya Shalev

Geschrieben von Claudia am 11. September 2006 | Abgelegt unter Literaturtagebuch

Eine Frage, die ich mir jedesmal stelle, wenn ich einen Roman von Zeruya Shalev lese, ist, ob es auch nur einen einzigen Mann auf dieser Welt gibt, der verstehen kann, was diese Frau da schreibt – und wenn ja, was dann wohl mit ihm nicht stimmen möge (ich freue mich auf Kommentare). So ausschließlich weiblich muten mir die in dieser unglaublich feinsinnigen, dieser präzisen Sprache beschriebenen emotionalen Zustände, diese Schwankungen, diese Absolutheiten an. Seit Zeruya Shalev auf der Bildfläche der Literatur erschienen ist, nach “Liebesleben” und “Mann und Frau” nun mit ihrem dritten Roman “Späte Familie”, ist die lesende Frauenwelt reichlich aufgewühlt – bis ins Unerträgliche leiden wir mit ihren – natürlich weiblichen – Protagonisten, wir leiden und sind verstört ob dieser erschütternden Nachvollziehbarkeit des eigentlich nicht Nachzuvollziehenden. Jede Handlung, jeder Zustand, jeder Gedanke scheint uns überhaupt nicht fremd – wir kennen das, auch wenn jede einzelne anders damit umzugehen vermag. Oder geht es nur mir so? Ich jedenfalls werde mitgerissen und -getragen auf dieser hohen Welle der Emotionen, finde mich in der Welt, die in dieser starken Sprache von Shalev gezeichnet wird, mehr als nur ein wenig wieder. Man kann dann entweder in diesen Lesestunden – viele sind es nicht, denn man unterliegt dem geheimnisvollen Zwang, immer weiterlesen zu müssen – aufgehen, in diesem ständigen Sich-Wiederfinden und – im besten Falle – Sich-Selbst-Hinterfragen oder das Buch beschämt und peinlich berührt, vielleicht sogar empört, weglegen, es nie wieder aufschlagen, denn diese Anteilnahme, dieses Mitfühlen kann wehtun, aufregend und aufwühlend sind die beschriebenen Situationen, an der Grenze zum Erträglichen, und doch immer so, dass sie nie nicht von dieser Welt sind, immer können wir (ich) uns (mich) mit erstaunlich wenig Mühe in diese selbstquälerische Hauptfigur hineinversetzen.

“Späte Familie” nimmt mich ebenso mit wie die beiden vorangegangenen Romane – diese irgendwie banale, alltägliche Geschichte von Ella, die nach zehn Jahren des Zusammenseins beschließt, ihren Mann zu verlassen, weil sie irgendwie nicht ganz glücklich ist und die Streitereien satt hat. Da gibt es den 6jährigen Sohn, dessen Familie sie auseinanderreißt, den distanzierten Vater, um dessen Aufmerksamkeit Ella sich Zeit ihres Lebens vergeblich bemüht hat (Nachtigall, ich hör dir trapsen…), die neue Liebe, die sie für allen Schmerz entschädigen soll und diese Erwartungen nicht erfüllen kann. Da gibt es Unsicherheit und Reue, Hoffnung und Enttäuschung. Es gibt die Gründung einer neuen, einer “späten Familie”, voller Erwartungen, voller althergebrachter, wenig hinterfragter Verhaltensmuster und voller Enttäuschungen. Alles kreist um die eine Frage: was, verdammt nochmal, ist Glück? Und alles kreist um die Angst – die Angst, nicht glücklich zu sein, die Angst, das als solches nicht erkannte Glück leichtfertig weggworfen zu haben und die Angst, nie wieder glücklich zu werden.

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